Vitromusée Romont
Kelchglas

Kelchglas

Façon de Venise, wohl Schweiz, 1680–1720
H 14,4 cm, Ø 8,7 cm
Schweizerisches Nationalmuseum Zürich, DEP-1384

Vom späten 15. bis zum Ende des 17. Jahrhunderts spielte Venedig eine bedeutende Rolle in der europäischen Glasproduktion. Venezianische Formen und Techniken dienten zahlreichen Werkstätten ausserhalb der Lagune als Vorbild. Für diese Erzeugnisse wird der Begriff «Façon de Venise» verwendet, der unterschiedliche Produktionszusammenhänge umfasst: im Ausland von venezianischen Glasmachern gefertigte Gläser, Nachahmungen einheimischer Handwerker oder auch Schöpfungen, die lediglich einzelne Merkmale venezianischer Glaskunst aufgreifen. Der Begriff bezeichnet somit weder einen genau bestimmbaren Herstellungsort noch zwangsläufig eine geringere Qualität. Häufig lassen sich venezianische Erzeugnisse nur schwer von den andernorts gefertigten unterscheiden. Die Tendenz, besonders qualitätvolle Stücke Venedig zuzuschreiben und die übrigen als «Façon de Venise» zu bezeichnen, dürfte dazu geführt haben, dass den Werkstätten der Lagunenstadt zu viele Gläser zugeschrieben wurden.

Das Glas DEP-1384 zeichnet sich durch einen Fuss mit nach unten umgeschlagenem Rand sowie einen kleinen, hohlen und gedrungenen Baluster aus. Dieser befindet sich zwischen zwei kurzen, massiven, mit Ringen versehenen Schaftabschnitten. Die glatte Kuppa weist einen massiven Boden auf. Vergleichbar ist das Glas mit einem 1721 datierten Exemplar in Stuttgart sowie mit einem bei archäologischen Ausgrabungen in Strassburg entdeckten Stück, das in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts datiert wird. Sein Herstellungsort lässt sich jedoch nicht näher bestimmen.

Der aus einer einzigen Glasblase gefertigte Schaft des Glases AG-1082 (rechts stehend) bildet zwei hohle, gerippte Verdickungen. Ergänzt wird er durch einen kurzen, massiven Schaftabschnitt mit einem kleinen Ring. Der Fuss besitzt einen nach unten umgeschlagenen Rand, während die Kuppa glatt ist. Gläser dieses Typs sind in Schweizer Sammlungen zahlreich vertreten, scheinen im Ausland jedoch selten zu sein. Vergleichbare Schaftfragmente wurden auch bei archäologischen Ausgrabungen in der Schweiz gefunden, unter anderem auf dem Gelände der von 1699 bis 1714 betriebenen Glashütte von Court im Berner Jura. Aufgrund dieser Beobachtungen kann das ausgestellte Glas einer Schweizer Glashütte oder möglicherweise einer Werkstatt in einer angrenzenden Region um 1700 zugeschrieben werden.

Legende des rechten Glases:
Façon de Venise, 17. Jh.
H 11,9 cm, Ø 7,9 cm
Schweizerisches Nationalmuseum Zürich, AG-1082

© Foto: Schweizerisches Nationalmuseum